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Andreas Tameling | Blog
4. April 2017

Wo bitte bleibt das Stimmungshoch?

Die deutsche Wirtschaft boomt. Im März verfehlte der Ifo-Geschäftsklimaindex, der Unternehmen verschiedener Branchen nach Geschäftslage und Geschäftserwartungen befragt, nur knapp ein neues Zehnjahreshoch – getrieben vom Bau und vom verarbeitenden Gewerbe. In qualitätsorientierten Augenoptikbetrieben kam die Euphorie in den ersten Monaten des Jahres jedoch nicht an. Mehreren Quellen zufolge lag der Absatz pro Geschäft zwischenzeitlich sogar zehn Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Erst im Verlauf des Monats März konnten die Unternehmen das kräftige Minus offenbar wieder etwas abmildern, so dass zum Quartalsschluss nur noch rund fünf Prozent weniger verkaufte Brillen zu Buche schlugen. Da wohl die immer (noch) verlässlich anwachsenden Auftragswerte in etwa gleichem Maße stiegen, dürften sie den Absatzrückgang ausgeglichen und dafür gesorgt haben, dass der Umsatz nicht auch ins Minus kippte. Allerdings war Ostern im letzten Jahr schon Ende März vorüber, dem Einzelhandel standen im ersten Quartal 2016 damit weniger Verkaufstage zur Verfügung. In diesem Jahr ist das erst Mitte April der Fall. Den Geschäften wird es daher auch zu Beginn des zweiten Quartals schwerfallen, mit besseren Absatzzahlen als im Vorjahr zu punkten.

Warum kommt das Wirtschaftshoch derzeit in unserer Branche nicht an?

Zum einen verfälschen die Zahlen des ifo-Index das gesamtkonjunkturelle Stimmungsbild, weil es sich bei den Branchen Bau und verarbeitendes Gewerbe um Wirtschaftszweige handelt, die in besonderer Weise vom Zinsniveau abhängen. Bei langfristigen Bauzinsen von deutlich unter zwei Prozent verwundert es nicht, dass so viele Menschen bauen oder kaufen wollen. Die Branche kommt kaum hinterher. Auch im verarbeitenden Gewerbe sind die Zinsen ein extrem wichtiger Kostenfaktor. Derzeit gibt es weltweit kaum ein Land, in dem die Unternehmen mit so niedrigen Fremdkapitalkosten produzieren können wie in Deutschland. Besonders interessant für die Augenoptik dürfte deshalb sein, welche Zahlen demnächst für den privaten Konsum veröffentlicht werden. Das Bundesministerium für Wirtschaft gibt jedenfalls jetzt schon an, dass der Umsatz im Einzelhandel zum Jahresbeginn um ein knappes Prozent zurückgegangen sei.

Nur noch die Hälfte optimistisch – Deutsche blicken sorgenvoller in die Zukunft

Das verwundert nicht, denn zum anderen mehren sich die Zeichen, dass immer mehr Deutsche sorgenvoll in die Zukunft blicken. Nach einem Bericht des Handelsblatts vom Februar 2017 soll das inzwischen rund die Hälfte der Bevölkerung sein – obwohl es den meisten materiell gutgehe. Doch die Ängste um Job, Altersvorsorge und persönliche Sicherheit sind groß. 33 Prozent der Deutschen sehen das Land gar auf eine große Krise zusteuern, nur 46 Prozent schauen der Zukunft hoffnungsvoll entgegen (Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach). „Angesichts unserer wirtschaftlichen Entwicklung wäre ein Optimismuspegel von 60 Prozent normal“, sagte Allensbach-Chefin Renate Köcher jüngst im Interview mit der Wirtschaftszeitung. Der düstere Blick der Deutschen hat unter anderem viel mit Angst vor Gewalt und Werteverfall zu tun, manche Sorgen sind sicher irrational. Konkret wirken sich aber auch bei uns die Entwicklungen in Großbritannien mit dem EU-Austritt und in Frankreich aus, wo es Kandidaten der gemäßigten Mitte im Mai gelingen muss, den Durchmarsch von Marine Le Pen in den Präsidentenpalast zu verhindern. Zudem zeigt das Beispiel USA mit der Wahl von Donald Trump, wie weit die Stimmungslage einer verängstigten oder aufgebrachten Bürgerschaft reichen kann.

Kaufzurückhaltung vor Bundestagswahlen – besonders im Süden Deutschlands

Darüber hinaus wissen wir aus früheren Beobachtungen, dass politische Wahlen auch hierzulande ihre Schatten weit vorauswerfen und bei Brillenträgern schon Monate zuvor auf die Kauflaune drücken. Die nächste Bundestagswahl steht zwar erst Ende September an, viele Deutsche halten sich in ihrer Ausgabenbereitschaft aber solange zurück, bis unsichere politische Verhältnisse geklärt sind. Besonders im Süden der Republik scheint die Angst vor unkalkulierbaren Risiken trotz – oder gerade wegen – der höheren Kaufkraft immer etwas ausgeprägter zu sein. Das hatte sich schon Ende letzten Jahres abgezeichnet, als die Trendkurven regionaler Betriebsvergleiche für Bayern und Baden-Württemberg deutlicher nach unten zeigten als in anderen Bundesländern.

In den nächsten Wochen wird sich herausstellen, ob der gesamtwirtschaftliche Aufschwung nur mit Verzögerung positiv auf unsere Branche durchschlägt, oder ob 2017 aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Trends ein weniger erfreuliches Jahr für die Augenoptik wird.